ISSUE 17: The New Serenity

ISSUE 17: The New Serenity

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Die Zukunft ist keine Zeit. Sie ist ein Werkzeug, um Zeit zu operationalisieren. Als solches ist sie die diskursiv offenste und demokratischste Erzählerin, die wir zur Hand haben, um uns aktiv mit der Gegenwart auseinanderzusetzen. Denn die Zukunft ist als erzählerisches Werkzeug in unserer Gegenwart verankert. Sie verbindet die individuellen und kollektiven Erfahrungen der Vergangenheit mit unseren eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen an die kommende Zeit. Eine Geschichte über die Zukunft ist also immer auch eine Geschichte für die Zukunft. Denn sie fügt dem, was gegenwärtig denkbar ist, eine weitere Perspektive hinzu und verändert damit die Möglichkeiten dessen, was die Zukunft sein kann. 

2038 kann als eine Geschichte aus der Gegenwart für die Zukunft und damit als ein Geschenk an die Gegenwart gelesen werden. Trotz der vorherrschenden Schreckensvisionen der Zukunft, was im Grunde alles angeht – von Gesellschaft bis Natur, vom Intraplanetaren bis zum Interstellaren – hat sich 2038 vorgenommen eine andere und bewusst widersprüchliche Geschichte zu erzählen. Von einer durchaus besseren Zukunft, in 18 Jahren von heute. Im Jahr 2038 ist nicht alles rosig und einfach, aber auch nicht verdorben und unwiderruflich schlecht. 

2038 ist ein hoffnungsvoller Ansatz, von einem positiven Zukunftsszenario aus die Gegenwart rückzuentwickeln. Die Gegenwart verstanden als Laboratorium, das bereits über die notwendigen Werkzeuge und Ideen verfügt, um die vermeintlich bevorstehende Dystopie zu überwinden. Weit entfernt von Naivität und utopischem Positivismus sucht 2038 nicht nach einer Formel, die alle Erkenntnisse in ein kohärentes System zu presst. Vielmehr stellt sich 2038 der Aufgabe, mit all den seltsamen kleinen Artefakten umzugehen, die einen systemischen Wandel auslösen könnten. 2038 erzählt Geschichte, wie sie sich zuträgt: Kontingent, komplex und paradox. Die Vergangenheit war chaotisch. Die Gegenwart ist chaotisch. Die Zukunft wird auch chaotisch sein.
 
2038 hat Expert*innen gebeten, ihre Geschichten aus der Zukunft zu erzählen, in der sich das System zum Besseren verändert hat. Die einzige Regel war, dabei ernsthaft zu sein - engagiert und transparent in der Argumentation und bescheiden in der Herangehensweise, auf der gemeinsamen Basis: Ich lasse Dich an meiner Zukunft teilhaben, wenn ich an Deiner teilhaben kann. 

Das ist entscheidend. Wer über die Zukunft spricht, darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen: Skin in the game - muss die eigene Haut riskieren. Was man in aller Ernsthaftigkeit beschreibt und artikuliert, sollte keine Flucht aus der Gegenwart sein, sondern eine Schärfung der Diskussion, eine Frage die man aufwerfen oder auch eine Antwort, die man spekulativ vorwegnehmen will. Strategische Manöver für eine bestimmte Zukunft müssen unbedingt vermieden werden. Denn eine Utopie oder eine positive Zukunftsvision ist immer eine Anregung zur Selbstreflexion und zum Handeln. Wenn sie aber dazu dient, andere Zukünfte – ob positiv oder nicht – zu unterdrücken, wird sie totalitär. In diesem Sinne ist 2038 eher eine Sammlung handlungsleitender Ideen, die nicht eins zu eins in die Gegenwart übersetzt werden können. Es ist wichtig, zwischen Idee und Ausführung zu unterscheiden. Hüte Dich vor deinen Träumen, denn sie könnten wahr werden.

Die Gegenwart schließt immer auch vergangene Zukünfte ein. Alles, was jemals erdacht wurde, um eines Tages Gegenwart zu werden, sich aber noch nicht materialisiert hat, existiert in einer zeitlosen Zwischenwelt als ein utopisches Gespenst, das nur darauf wartet, uns heimzusuchen. Eine gründliche Untersuchung der Gegenwart erfordert also zuerst die utopischen Geister zu identifizieren, die unsere spekulativen Fähigkeiten zur Überwindung der Gegenwart hemmen. Spekulative Fiktion ist ein Raum der Befreiung. Eine Geschichte, die in der Zukunft spielt, eröffnet einen solchen Raum.

Angesichts der gegenwärtigen Situation ist es schwierig geworden, in dieser veränderten Gegenwart weiterhin so zu funktionieren wie bisher. Die Zeit hat sich beschleunigt, wieder einmal. Die historische Situation, die 2038 erschaffen hatte, hat sich überholt, bevor sie mit der Zeit konfrontiert werden konnte, die ihr zugrunde lag. Es stellte sich heraus, dass 2038 nicht nur vor dem Hintergrund drei jüngster globaler Krisen (Finanzmärkte, Migration, Klima) angesiedelt ist, sondern sich bereits die nächste Krise abzeichnete. Die Krise der Jahre 2020/21 ist auch eine Krise des visionären Denkens. Die Planung für verschiedene Zukünfte ist obsolet geworden, weil wir bereits in Szenarien leben. Selbst die Planung der Gegenwart ist unmöglich geworden. Diese Ungewissheit – selbst gegenüber der nahen Zukunft – macht die jüngsten Spekulationen irrelevant und erweckt vergangenen Zukünfte wieder zum Leben. 

Wäre es nicht schön, die Antworten für heute in den Visionen von gestern zu finden? Zurückzublicken und das wiederzubeleben, was nicht geschehen ist, mag als der einfache Ausweg erscheinen. Nur ist es kein Ausweg. Das Zukunftsweisendste, was wir jetzt tun können, ist, den Moment zu feiern, im Jetzt zu sein. Wir lieben unsere Zeit.  

Sicher, die Rahmenbedingungen haben sich krass verändert, der öffentliche Diskurs und die öffentliche Aufmerksamkeit haben sich verlagert, aber die Probleme sind die gleichen. Antworten auf die Frage des Biennale-Kurators Hashim Sarkis „Wie werden wir zusammen leben?“ sind nur noch rarer und dringlicher geworden als sie es ohnehin schon waren. Die Plattform von 2038 dient nun als Seismograf, der die Erschütterungen der nahen Vergangenheit dokumentiert. Ein Fragment der Gegenwart von gestern und doch so sehr im Jetzt verwurzelt, dass es seinen Glanz noch nicht verloren hat. 2038 ist bereits ein historisches Dokument, der Geschichtskanal einer Gegenwart, die nie war. 2038 kann dieser neuen Gegenwart Alternativen und Abzweigungen aufzeigen, um unser Denken und unsere Bewertung des Heute herauszufordern und eine frische Basis zu entwickeln, von der aus wir neu denken können.

With contributions from Aang Nkurunziza, Andrés Arauz, Anna Yeboah, Anne Katrin Bohle, Audrey Tang, Bar Gregoryan, Bee Haven with Mitchell Joachim, Caroline Nevejan, Cassie Thornton, Christian Posthofen, Christopher Roth, Cédric Libert, Daniel Schönle, Euroboden, Exrotaprint and Frei Otto, Ferdinand Ludwig, Finley Hoxha with Diana Alvarez-Marin, Galaad Van Daele, Goda Klumbyte, Guerilla Architects, Helene Von Schwichow, Jakob Brandtberg Knudsen, Jeanne Hu and Mark Wigley, Joanna Pope, Katrin Fritsch, Lara Verena Bellenghi, Leif Randt, Loren Britton, Lorenz Von Seidlein, Ludwig Engel, Lukas Kubina, Marlo Wang With Charlotte Malterre-Barthes, Matylda Krzykowski, Olaf Grawert, Park Chan-Sol With Suhail Malik, Rebiennale / R3b Giulio Grillo, S.a.l.e. Docks, Sabine Oberhuber, Samira Lenzin, Sénamé Koffi Agbodjinou, Varuna Jael with Ludger Hovestadt, Thomas Rau


2038 - THE NEW SERENITY
Editors: Olaf Grawert, Christopher Roth for 2038
Managing Editor: Angelika Hinterbrandner
Artworks: Diann Bauer, João Enxuto and Erica Love, Sam Lubicz, Bahar Noorizadeh
Film Stills: Severin Bärenbold, Pan Hu, Anton Krebs, Christopher Roth, Julian Wäckerlin
Design: Laboratory of Manuel Bürger / Collaboratoires MB


BERLIN QUESTIONS
Editors: Ludwig Engel, Lukas Kubina
Managing Editor: Angelika Hinterbrandner
Director Berlin questions 2021: Lutz Henke
Photographs: Andreas Gehrke
Artworks: Christopher Kulendran Thomas and Annika Kuhlmann
Film Stills and Visuals: Marietta Auras, Zeitguised
Design: Laboratory of Manuel Bürger / Collaboratoires MB


ARTS OF THE WORKING CLASS
Editors: Alina Kolar
(ak@artsoftheworkingclass.org)
María Inés Plaza Lazo
(mi@artsoftheworkingclass.org)
Pauł Sochacki
(p@artsoftheworkingclass.org)
Verantwortliche i. S. v. § 55 Abs. 2 RStV

Online Editor: Dalia Maini

Print: Druckzentrum Osnabrück GmbH & Co. KG, Osnabrück, DE
Publisher: Reflektor Monde gUG
(haftungsbeschränkt)
Lynarstrasse 38, 13353 Berlin, DE


Represented by the Managing Directors:
Alina Kolar, María Inés Plaza Lazo,
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